Alle Beiträge von Daniel Helmes

Uhrmachertradition

Sie faszinieren als Zeitinstrumente und Alltagsmöbel: die historischen Standuhren im Obergeschoss. Die beredten Zeugen alter Siegerländer Handwerkstradition sind hier in einer bemerkenswerten Sammlung vereint.

Im Raum der Zeit Zeit finden, Zeitzeuge werden, den Takt der Zeit erleben. Nehmen Sie sich die Zeit für Zeit-Entdeckungen und Neues über die alte Zeit zu erfahren.

Fotos weit mehr als nur „Ab-Bilder“

Ausstellung mit photographischer Kunst von Edwin Kaiserling eröffnet

Das Freudenberger Mittendrin-Museum erwies sich wieder einmal als Besuchermagnet für viele Kunstfreunde aus dem Siegerland und darüber hinaus. Groß war die Gästeschar, um die Ausstellung mit Werken des Tübinger Wissenschaftlers und Künstlers Edwin Kaiserling zu eröffnen. Auf dessen Siegerländer Wurzeln wies allerdings Albrecht Thomas vom Siegener Kunstverein in seinem Portrait des Medizin-Professors und Photographen hin. Der Sohn des Chefarztes im Jung-Stilling-Krankenhaus verbrachte große Teile seiner Schulzeit am Löhrtor-Gymnasium, wo er 1961 sein Abitur ablegte.

p1000194Aus dieser Zeit sind viele Freundschaften erhalten geblieben. Zu diesen zählt auch Wolfgang Achenbach, dessen Scheunengruppe an der Krottorferstraße in Freudenberg auch ein fotografisches Objekt Kaiserlings geworden ist. Und seine Werke sind, wie der Titel der Ausstellung lautet „gestochen unscharf“. Seine Bilder erhalten durch diese spezifische Behandlung eine wirkungsstarke Verwandlung zu einem neuen, ausdrucksstarken Kunstwerk. Wenn man seine in solcher Art veränderten faszinierenden Säulen-Kompositionen sieht, versteht man sofort seine Äußerung „er sei Fan der HTS in Siegen geworden“.

Als sehr gelungene Metamorphosen erweisen sich auch seine Landschaftsinterpretationen und selbst der Siegener Bahnhof bekommt durch die gestaltende Bearbeitung einen neuen Reiz.
Nach der von Daniela und Thomas Hofer musikalisch untermalten Eröffnungsfeier stand Prof. Dr. Edwin Kaiserling noch lange zu Gesprächen bereit. Und 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel freute sich: „Ich bin begeistert, wie unser Haus mitten im Alten Flecken immer wieder einen so tollen Rahmen zum Dialog bietet.“

Die experimentellen Fotografien sind in dem Museum bis zum 6. März, jeweils mittwochs, samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr zu sehen. Sonderführungen sind auf Anfrage möglich.

EINLADUNG: ERÖFFNUNG „AUFBRUCH IN DIE MODERNE“

Freitag, 4. Dezember 2015, ab 19:00 Uhr

Dieter Siebel als Kurator ist es gemeinsam mit dem Kunsthaus Lübeck gelungen, eine ganz bemerkenswerte Ausstellung für das Freudenberger Mittendrin-Museum zusammen zu stellen. Die Präsentation, quasi ein Höhepunkt zum Jahreswechsel, trägt den Titel „Aufbruch in die Moderne“ und wird am Freitag, 4. Dezember 2015, 19:00 Uhr in den Räumen des Museums, Mittelstraße 4-6, 57258 Freudenberg, eröffnet.

img_4335Es war die Zeit des Umbruchs, in der herausragende Künstler wie Ernst Barlach, Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Matisse, Miro, Emil Nolde oder Pablo Picasso neue Wege in der Kunst beschritten. Dieter Siebel: „Diese avantgardistisch geprägten Stilrichtungen mit unterschiedlichen Strömungen entsprachen nicht dem Kunstverständnis der Nationalsozialisten. Künstler wurden diffamiert, zum Teil mit Berufsverbot belegt. Aber sie haben Kunstgeschichte geschrieben.“ Erst geächtet, später jedoch hoch geachtet: Er freue sich, ausgewählte Grafiken – es sind mehr als 50 – dieser „Klassiker der Moderne“ zeigen zu können. Die Werke können auch käuflich erworben werden.

„Das wird sicher für diese Region eine einmalige Ausstellung sein“, freuen sich die 4Fachwerker. Die Eröffnung werden Daniela Hofer (Querflörte) und Thomas Hofer (Gitarre) musikalisch umrahmen.

Von Stahlschmidt bis Tick-Tack-Krämer

Ian D. Foweler lässt die Freudenberger Uhrentradition lebendig werden
Erneuter Vortrag des Uhrenhistorikers im 4FACHWERK-Mittendrin-Museum

Diesmal also Johann Peter Stahlschmidt. Der Uhrenhistoriker Ian D. Fowler sieht in ihm nicht nur einen wichtigen Uhrmacher der engeren Region, sondern bedeutend für die Uhrengeschichte des 18. Jahrhunderts insgesamt: „Denn über ihn wissen wir viel!“
Zahlreiche Quellen belegen das Wirken des im Jahre 1751 in Plittershagen geborenen Mannes, der später den Grundstock für die Uhrenmanufakturen in Freudenberg legen sollte.

Er ist der älteste Sohn der Familie mit insgesamt 9 Kindern, den mit 12 Jahren das Schicksal trifft, Vollwaise zu werden. Und es dauert bis zu seinem 23. Lebensjahr, als er in Siegen seine Uhrmacherlehre beginnen kann. „Ob es dafür familiäre Gründe gibt?“ Ian D. Fowler stellt Vermutungen an, denn so tief hat er sich in die Materie eingearbeitet: Die Tante von Johann Peter Stahlschmidt ist mit Johann Heinrich Daub aus Niederndorf verheiratet. Und die Mutter seines Lehrmeisters Johann Georg Spies ist ebenfalls eine geborene Daub aus Niederndorf.

Jedenfalls schließt Stahlschmidt seine Lehre im Juli 1777 bei Spies in Siegen erfolgreich ab und macht sich umgehend als Wandergeselle auf den Weg. Da er darüber präzise Buch führt, lassen sich genaue Daten nachvollziehen: 1.200 km legte er dabei zurück, wanderte 270 Stunden und besuchte 50 Städte. „Da er aber in nur vier Orten arbeitete, ist das eigentlich eine magere Ausbeute“, wertet Fowler. Am längsten wirkte er in Hamm und Münster. „Er war nicht in Frankfurt oder Neuwied, Orte die damals als ‚Hochburgen des Uhrenbaus’ galten.“

Trotzdem schaffte er später ganz erstaunlich Werke, die bis heute weit über 200 Jahre Bestand haben und „auch immer noch funktionieren“. Offenkundig endet 1781 seine Wanderschaft und im Juni dieses Jahres richtet er in dem Haus Oranienstraße 31 seine Werkstatt ein – und sollte hier bis zu seinem Tod 1833 leben. Seine erste Uhr, ausgestattet mit einem 30-Stunden-Uhrwerk, so ist überliefert, fertigt er für Johann Möller in Ferndorf zum Preis von 28 Taler an. Es ist, so Fowler, seine einzige Uhr mit einem Zinn-Zifferblatt.
Also schaffte er sich erst einmal eine wirtschaftliche Grundlage, um dann sein Meisterstück zu bauen, das er 1785 der Hammerschmiedezunft präsentiert, die dem ersten Freudenberger Uhrmacher am 8. August dafür den Meisterbrief ausstellt.
Er dürfte mit seiner Handwerkskunst im Ort auf eine Marktlücke gestoßen sein, wobei die Kriegszeiten von 1792 bis 1815 auch für ihn problematisch gewesen sind. Ob es womöglich eine „Sonderkonjunktur“ nach dem Kriegskassenraub von 1796 gegeben habe, lies der Referent verschmitzt offen. Jedenfalls richtet Stahlschmidt 1814 die dringende Bitte an General Freiherr von Gagern, seinen Sohn Eberhard vom Militärdienst zu befreien, da dieser für die Produktion der Uhren und damit für den Unterhalt der Familie unentbehrlich sei.

Allein die Materialbeschaffung dürfte damals schon eine Herausforderung gewesen sein. Fowler vermutet, der Tausch von Sohlleder gegen Wolle im Dilltal und diese gegen Messing in Frankfurt könne ein nachvollziehbarer Weg gewesen sein. Dieses Messing benötigte er für die Platinen, denn nur in der Zeit von 1809-1811 sind diese bei ihm aus Eisen nachgewiesen. Auch das Material der Zifferblätter – Emaille oder Keramik – lasse Rückschlüsse auf Handelsbeziehungen zu. Fowler verdeutlichte an zahlreichen Fotos, wie durch typische Applikationen und die besondere pilzförmige Hammerfederverkeilung Werke von Stahlschmidt zu identifizieren sind. „Mit welchen technischen Hilfsmitteln wurden die Zahnräder hergestellt, verfügte er über eine kleine Gießerei?“ – Für viele Fragen suchte Ian D. Fowler nach Erklärungen.

Im Jahre 1827 übernimmt der zweit-jüngste Sohn Tillmann Stahlschmidt die väterliche Uhrenwerkstatt. Und so setzt sich die Uhrentradition fort: Eines der vier Kinder von Tillmanns Tochter Maria Clara (1835-1868), Ewald (1863 – 1938), ist weiter als Uhrmacher in Freudenberg tätig. Entsprechend wird diese Krämer-Linie in jener Zeit „Tick-Tack“ genannt. Aber über diese Nachfahren sowie von Johann Peter Stahlschmidt und seinem Sohn Tillmann ausgebildete Uhrmacher will Fowler in seinem nächsten Vortrag am 25. November 2015 berichten.

Das wieder einmal bis auf den letzten Platz gefüllte Mittendrin-Museum zeigte das hohe Interesse an der Siegerländer Uhrmachertradition wie die große Wertschätzung über das Fachwissen des Referenten. „Wir haben wieder sehr viel gelernt“, freute sich 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel.

4FACHWERK-Uhren-Vortragsreihe wird fortgesetzt: Diesmal geht’s um Johann-Peter Stahlschmidt

„Diesmal will ich endlich etwas über Stahlschmidt direkt erzählen“, kündigt Ian D. Fowler an. Der Uhrenhistoriker hatte bei seinen bisherigen Vorträgen den Weg des Uhrenbaues bis in unsere Region nachgezeichnet und dabei über die vielfältigen auch familiären Verflechtungen berichtet.

Am Mittwoch, 30. September 2015, steht ab 19:30 Uhr also Johann-Peter Stahlschmidt im Mittelpunkt der Betrachtung. „Es gibt so viel Material über ihn“, freut sich der für historische Uhren überaus sachkundige Referent. Stahlschmidt, am 18. Juli 1751 in Plittershagen geboren, aufgewachsen und hier zunächst wohl auch als Hirte tätig, begann im Alter von 23 Jahren bei Johann-Georg Spies in Siegen seine Ausbildung und begründete später „im Flecken“ die große Handwerkstradition der „Stahlschmidt-Uhren“.

Eine ganze Reihe von Stahlschmidt-Uhren sind im Dachgeschoss des Freudenberger Mittendrin-Museums zu besichtigen. Das Haus, das seit 1781 die Uhrenmanufaktur von Stahlschmidt beherbergte, befindet sich im Alten Flecken nur wenige Meter vom Museum entfernt (Oranienstraße 31). Auch das Exemplar, das heute als die „komplizierteste erhaltene Siegerländer Uhr“ gilt und von Stahlschmidt 1798 gefertigt wurde, ist im Freudenberger Museum zu bewundern. Sie zeigt durch zwei Zifferblätter die Zeit gleichzeitig in zwei Räumen an, stand in seinem Haus und galt offensichtlich als Normaluhr im Flecken, nach der also die Zeit der anderen Uhren eingestellt wurde. Der Uhrenmeister blieb bis in sein 76. Lebensjahr seinem Handwerk treu, bildete auch die Uhrmacher Johann Heinrich Gräff (1783-1860) und Johann Friedrich Müller aus. 1827 übergab er das Geschäft an seinen Sohn Tillmann Stahlschmidt.

Ian D. Fowler ist Experte für historische Zeitmesser, 1953 in Doncaster/England geboren, wohnte ab 1978 in Freudenberg und lebt heute in Friesenhagen (Kreis Altenkirchen), betreute die Uhren im Museum und gilt als einer der herausragenden Kenner der Stahlschmidt-Uhren wie des Uhrenhandwerks der Region.

„Träume aus Farbe“ für den Traum von Frieden und Unversehrtheit

Ausstellung mit Werken des Weißrussen Sergey Pisarenko in Freudenberg eröffnet

Dr. Ingrid Leopold, Vize-Vorsitzende des 4Fachwerk-Vereins, hatte selbst die Aufgabe übernommen, einführende Worte zur Eröffnung der Ausstellung mit Werken von Sergey Pisarenko zu sprechen. Sie bezeichnete den weißrussischen Künstler als einen Botschafter seines in vielfältiger Weise betroffenen Landes, als einen „Meister des feinen Pinselstrichs“. Eine suggestive Stimmung gehe von den in ihrer Farbigkeit reduzierten Bildern aus. Viele naturalistische Motive zeigten ein Spiel mit dem Licht. „Sie nehmen den Betrachter quasi gefangen von einer ganz spezifischen Stille und Ruhe, die uns in diesen Werken ganz intensiv anspricht“, zeigte sich Ingrid Leopold beeindruckt.

„Beeindruckend“, das war auch die Vokabel die die vielen Vernissage-Gäste nach ihrem Rundgang äußerten. Das Lob galt den ausgestellten Aquarellen und Ölbildern, aber auch der freundlichen und bescheidenen Art, mit der Sergey Pisarenko seine Werke erläuterte und zum Gespräch mit seinem Publikum zur Verfügung stand.

Das Talent von Sergey Pisarenko, 1967 in Weißrussland geboren, wurde früh entdeckt. Bereits seit seinem zehnten Lebensjahr erhielt er Malunterricht in einem Internat in Minsk. Sein späteres Studium an der Minsker Kunstakademie schloss er 1994 mit höchsten Auszeichnungen ab. An zahlreichen internationalen Ausstellungen konnte er sich beteiligen, viele seiner Werke befinden sich heute im Privatbesitz und selbst das Weiße Haus in Washington schmückt eines seiner Bilder. Hohe Auszeichnungen wurden Pisarenko zuerkannt. „Wir sind sehr stolz, diesen bemerkenswerten und talentierten Künstler bei uns zu Gast zu haben und seine Werke auszustellen“, freute sich denn auch 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel in seiner Begrüßung.

Die ebenfalls berührende Einführung von Ingrid Leopold betraf auch ein Stück ihrer eigenen Lebensgeschichte. Sie erzählte den Vernissage-Gästen von ihrer erstmaligen Begegnung mit Sergey Pisarenko. Als Mitglied im IPPNW Deutschland, der Vereinigung internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, war sie nach der Tschernobyl-Katastrophe an der aktiven Hilfe aus dem Siegerland beteiligt, mit der über Jahre auch Kindererholungen angeboten wurden. Bei einer Reise nach Minsk traf sie dort auf Sergey in einem Arbeiterheim: „Sein Lebensunterhalt war ganz schwierig“. Deshalb sei es sehr wichtig gewesen, das die später mit in den Westen gebrachte Aquarelle Bewunderer und Käufer gefunden hätten. Ingrid Leopold nannte Weißrussland ein „Land der Katastrophen“. 1941 habe die Nazi- Besatzungsherrschaft große materielle Zerstörungen angerichtet und zum Tod von mehr als einem Viertel der Bevölkerung geführt. Großes Leid habe das Land 1986 durch den radioaktiven Niederschlag nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl erfahren.

„Der Traum von Frieden und Unversehrtheit, das unveräußerliche Recht auf Leben, findet in seinen Motiven einen erkennbaren und wunderbaren Ausdruck“, lobten 4Fachwerk-Gäste die visuelle Wirkung Pisarenkos Werke. Das Museum ist mittwochs, samstags und sonntags jeweils von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet, Sonderführungen sind nach Absprache möglich.