Archiv der Kategorie: Kunstforum

Martin-Schulz-Ausstellung eröffnet

„Gesamtkunstwerk“ aus Bildern, Gesang und Erzählung

„Es wird heute eine Premiere geben,“ hatte 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel bei seiner Begrüßung der vielen Gäste zur Eröffnung der Martin-Schulz-Ausstellung angekündigt. Was dann geboten wurde, begeisterte die Besucher sichtlich. Erstmalig waren zur musikalischen Umrahmung zwei Sopranistinnen eingeladen. Die beiden Sängerinnen erwiesen sich aber keinesfalls nur als „Beiwerk“.

 

Als Dr. Ingrid Leopold in ihrem Eröffnungsvortrag über das Leben und Werk des Malers Martin Schulz (1894 – 1968) einging, sprach sie von dessen Begeisterung für die Schönheit der Natur. Er habe die Siegerländer Landschaft mit Wald, Bergen und dem weiten Ausblick in die Täler geliebt. Literarisch habe ein solches Empfinden Joseph von Eichendorff in seinem 1810 entstandenen Gedicht „O Täler weit, o Höhen“ eingefangen. Diesen Text vertonte 1843 Felix Mendelssohn Bartholdy und dieses Lied brachten Irene Carpentier (Freudenberg) und Manuela Meyer (Niederfischbach) stimmgewaltig und eindrucksvoll zu Gehör. Das hautnahe Erleben von Erzählung, visuellen Eindrücken durch die Vielzahl der Aquarelle und der musikalischen Hochleistung sorgte für ein mit viel Beifall aufgenommenes „Gesamtkunstwerk“.

Unter den Gästen erinnerten sich ehemalige Schüler an ihren Kunstpädagogen Martin Schulz, der 1964 nach 32-jähriger Tätigkeit vom Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium verabschiedet und als „Motor für kulturelles Leben“ gelobt worden war. Sein Wirkungsraum ging über das Klassenzimmer hinaus. Ingrid Leopold erinnerte an seine Malstunden in freier Natur, zu denen Lehrer wie Schüler mit Klappstuhl und Aquarellmal-Utensilien unterwegs waren. „Martin Schulz war Kunstlehrer, Künstler, wirklich ein Könner und ein durchaus engagierter Bürger,“ zog Ingrid Leopold ihr Fazit. Alle Bilder und Drucke sind für die Ausstellung in Freudenberg neu gerahmt worden, wodurch ihre Ausdruckskraft noch einmal gesteigert wurde. Viel Lob durfte Dieter Siebel für diese Arbeit entgegennehmen.

 

Gezeigt werden beeindruckende Werke, die einerseits durch ihre farbige Lebendigkeit überzeugen, andererseits durch ihre Motive in den Bann ziehen, wie beispielsweise die Darstellung der Siegener Feuersbrunst nach der Bombardierung im Jahr 1944. Jedenfalls, die Werkschau, die durch intensive Unterstützung von Frau Dr. Corinna Nauck vom Museum Wilnsdorf zustande kam, bietet für die Betrachter viel Gesprächsstoff.

Irene Carpentier und Manuela Meyer
Irene Carpentier und Manuela Meyer

Übrigens: Irene Carpentier, flämische Wahl-Freudenbergerin, studierte am Königlichen Konservatorium in Antwerpen und singt seit 2017 regelmäßig im WDR-Chor in Köln. Manuela Meyer, geboren in Kirchen, wirkt als Dozentin für Gesang an der Universität Köln, studierte in Siegen, an der Folkwang-Hochschule Essen sowie der Musikhochschule Köln und sang im Chor der Oper Dortmund. Mit dem „Abendlied“, ebenfalls von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gaben die beiden Sopranistinnen der Vernissage ein stimmungsvolles Ende. „Wir sind ganz stolz, solche Künstlerinnen in unserer Nähe zu wissen,“ so Dieter Siebel.

Aquarelle von Martin Schulz

Ab 13. Oktober 2018 neue Sonderausstellung

Nein, bei dem Künstler, dessen Werke jetzt im Freudenberger 4Fachwerk-Museum zu sehen sind, handelt es sich nicht um den früheren EU-Parlamentspräsidenten aus Würselen. Der Name ist identisch, aber es geht um den 1894 in Wittstock/Brandenburg geborenen Maler Martin Schulz. Der Verein 4Fachwerk Mittendrin Museum in Freudenberg setzt mit der aktuellen Ausstellung seine Tradition fort, Kunstwerke verstorbener Maler, die im Siegerland wirkten, aus Depots und Archiven ans Tageslicht zu holen, um sie wieder neu zugänglich zu machen.

Blick auf Siegen, Aquarell
Blick auf Siegen, Aquarell

Martin Schulz arbeite in Siegen, zuletzt, bis 1964, als Kunstpädagoge am Fürst-Johann-Moritz-Gymnasium. Die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstler nutze er für den Austausch mit Gleichgesinnten und für gemeinsame Aktivitäten, wie Ausstellungen, an denen er seit Anfang der 1930er Jahre teilnahm. 1946 zählte er zu den Mitbegründern des Kulturrings Weidenau. Dass er von 1949 bis 1965 den Vorsitz der Kulturgemeinde übernahm, belegt sein breites und ausdauerndes kulturelles Engagement im Siegerland.

Vor 50 Jahren, am 25. Mai 1968, starb Martin Schulz. „Zeit, ihn als bedeutenden Künstler der Region in Erinnerung zu rufen,“ so Dr. Ingrid Leopold, 4Fachwerk-Vizevorsitzende, die die Ausstellung kuratiert und auch bei der Vernissage zu Werk und Leben von Martin Schulz sprechen wird. Sie zeigt sich von seinem künstlerischen Können beeindruckt: „Er besaß die Fähigkeit, über 100 Grün-Nuancen der Blätter des Waldes in ein Bild zu zaubern.“

Was wie „mit leichter Hand“ gestaltet aussah, erweist sich indes als das Ergebnis langjähriger Profession wie einer intensiven akademischen Ausbildung: 1916 begann Martin Schulz an der Akademie der Bildenden Künste in München das Studium der Kunsterziehung. Der dortige Lehrer und Landschaftsmaler Hermann Groeber prägte ihn offensichtlich mit seinem naturalistischen Stil und der lichtvollen Gestaltung. Sein Studium setzte er in Weimar und Berlin fort und beendete es 1926 mit dem Abschluss als Pädagoge für das künstlerische Lehramt.
Im ostpreußischen Mohrungen übernahm er eine erste Stelle als Lehrer, unterrichtete, war aber zusätzlich als freier Künstler tätig.  Ingrid Leopold: „Sein Schwerpunkt war die Aquarelltechnik, er schuf aber auch Ölbilder und Holzschnitte, die in ihrer Perfektion sein großes Können zeigten.“


Als sich das Leben in Ostpreußen sich immer schwieriger gestaltete, zog Schulz mit seiner jungen Frau und seinem Sohn westwärts und fand im Siegerland eine Anstellung als Kunstlehrer an der damaligen Oberrealschule für Jungen. Schon als Kind hatte Martin Schulz leidenschaftlich gerne gezeichnet. Er vermochte es, mit seinem Talent und Können sowie der intensiven Aus- und Weiterbildung erfolgreich einen Beruf zu entwickeln. Martin Schulz lernte die Siegerländer Landschaft lieben. Er erwanderte sie, den Aquarellkoffer in der Hand, um jederzeit die wechselnden Motive, An- und Aussichten darstellerisch festhalten zu können.

Viele seiner Werke, zumeist Aquarellblätter, sind nun in Freudenberg in einer Werkschau vereint. „Wir sind dem Museum Wilnsdorf sehr dankbar, dass es uns aus seinem Fundus so reichhaltig für die jetzige Ausstellung unterstützt hat,“ erklärt 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel.

Die Eröffnung am Freitag, dem 12. Oktober 2018, um 19:00 Uhr verspricht auch musikalisch ein Kunstgenuss zu werden: Irene Carpenter und Manuela Meyer werden Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy vortragen.

Die Ausstellung „Mit leichter Hand“ – Aquarelle von Martin Schulz – ist bis zum 25. November 2018 zu sehen. Das Museum ist mittwochs, samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet.
Der Eintritt beträgt 3 Euro. Sonderführungen sind auf Anfrage möglich.

Puppen-Kunst im Alten Flecken

Ausstellung mit Werken von Ingrid Schwan und Cornelia Wiese eröffnet

„Nun sind wir ein Puppenhaus,“ schmunzelte 4Fachwerk-Vorsitzender Dieter Siebel und konnte in eine große Runde von Eröffnungs-Besuchern blicken. Die Ausstellung mit Künstlerpuppen und Puppenhäusern galt es zu starten – und der Zuspruch war schon am ersten Tag überwältigend. Langanhaltender Beifall galten Dominik Stangier (Piano) und Celia Eichhorn (Cello), die die musikalische Einleitung übernommen hatten und dem Abend nahezu mit einem kleinen Konzert bereicherten. Sie rahmten den Eröffnungsvortrag von Dr. Ingrid Leopold ein, die sich mit Geschichte von Puppen überhaupt auseinandergesetzt hatte.

Dr. Ingrid Leopold führt mit einem historischen Rückblick in die Puppenausstellung ein.
Dr. Ingrid Leopold führt mit einem historischen Rückblick in die Puppenausstellung ein.

„Erste prähistorische Funde von puppenähnlichen Figuren aus Horn, Knochen, Ton oder Stein sind 35 000 bis 40 000 Jahre alt. Die Figuren waren vor allem Frauenkörper, welche die Mutter als Synonym für die Fruchtbarkeit verkörpern sollten,“ so die Vize-Vorsitzende des Museumvereins. Der Wandel zum Spielzeug habe sich erst im frühen 15. Jahrhundert vollzogen. In Nürnberg und in den Gemeinden Sonneberg und Waltershausen im Thüringer Wald sei eine regelrechte gewerbliche Produktion der Docken entstanden, wie man die Puppen zunächst nannte. Erst im Spätmittelhochdeutschen wurde der Begriff „puppa“ aus dem lateinischen „pupa“ für Mädchen oder Puppe abgeleitet und übernommen.


In die Theaterkunst hätten die Puppen vor allem in Italien Eingang gefunden. Sie standen hier als Marionetten stellvertretend für gesellschaftliche Charaktere, zum Beispiel den dummen Bauern oder den Spaßvogel. Auch der Kaspar habe hier seinen Ursprung. „Pupen waren nicht unbedingt Spielzeug,“ erläuterte Ingrid Leopold. In der Welt der Aristokratie, der höfischen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts zu Zeiten des Barocks und des Rokokos sei den Puppen die Funktion von Kleidermodellen zugekommen. In wohlhabenden Familien war die Porzellankopfpuppe später ein idealisiertes Luxusgeschöpf mit vielerlei Accessoires, Besitz großbürgerlicher Töchter und Statusobjekt der stolzen Eltern. Die Namen Käthe Kruse und Margarete Steiff standen dann für eine neue Generation von Puppenmachern, die nun mit Stoffpuppen anschmiegsame, weiche und bewegliche Lieblinge für kleine Mädchen schufen, die sie „knuddeln“ konnten.

Die von Ingrid Schwan gefertigten Porzellanpuppen seien in die zeitgenössische Künstlerpuppenszene einzuordnen, die sich in den 80er Jahren des 20sten Jahrhunderts entwickelte. „Das Puppenmachen ist bei zur ernsthaften Profession geworden, die Einzelstücke sind begehrte Sammlerobjekte geworden,“ lobt Leopold die seit 2004 in Kirchen wirkende Künstlerin. Zwischenzeitlich habe sich unermüdlich aktive Künstlerin weitergebildet und neue Fertigkeiten in der Herstellung und dem Bemalen kunsthandwerklicher Objekte aus Porzellan erlangt: „Sie ist in der traditionellen und modernen Porzellanmalerei genauso anerkannt wie in der Künstlerpuppenszene.“

Mit viel Beifall bedacht: Die Musiker Dominik Stagniert und Celia Eichhorn.
Mit viel Beifall bedacht: Die Musiker Dominik Stagniert und Celia Eichhorn.

Mit Blick auf die Arbeiten von Cornelia Wiese gab Dr. Ingrid Leopold ebenfalls einen Blick in die Geschichte: „Parallel zur gewerbsmäßigen Herstellung der Puppen durch die Dockenmacher im 15. Jahrhundert in Nürnberg wurden vermutlich auch die ersten Puppenstuben bereits zu damaliger Zeit gebaut.“ Wenn man diese aufwendigen Puppenhäuser aus dem frühen 17. Jahrhundert betrachte, welche bis auf das letzte Detail komplett sind, so sei zu vermuten, dass sie weniger zum Spielen, denn zur Ansicht, zur Anschauung und Repräsentation dienten. In ihrer Vollständigkeit ermöglichen sie einen Rückblick in die vielfach verlorene Alltagsgeschichte der damaligen Zeit.

Cornelia Wiese habe berichtet, dass sie 1990 mit ihren Kindern eine Kreativmesse in Erfurt besucht habe. Die dort ausgestellten Puppenhäuser hätten sie so fasziniert, dass Sie ihrem Sohn und der Tochter gesagt habe: „Wenn Ihr groß seid, wird Eure Mama mit Puppenhäusern spielen.“ So ist es dann gekommen – und das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie schon das Interesse bei der Vernissage zeigte.

Ingrid Schwan und Cornelia Wiese - ihre künstlerische Welt sind Puppen und Puppenhäuser.
Ingrid Schwan und Cornelia Wiese – ihre künstlerische Welt sind Puppen und Puppenhäuser.

Leopold: „Ingrid Schwan und Cornelia Wiese gilt unsere Bewunderung und unser Dank. Sie führen uns in nostalgische Welten – in die Vergangenheit, mit der man sich als älterer Mensch immer häufiger gedanklich beschäftigt.“
Beide Künstlerinnen wurden anschließend regelrecht mit Fragen, aber auch Komplimenten, zu ihren „Kunst-Stücken“ bestürmt und so setzte sich ein langer Museums-Abend im „Alten Flecken“ fort.

Die Ausstellung ist bis zum 7. Oktober 2018 zu sehen. Das ehrenamtlich geführte Museum ist mittwochs, samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3 Euro. Sonderführungen sind auf Anfrage möglich.

Künstlerpuppen, Puppenhäuser – eine Kunst für sich!

Ab 25. August 2018 neue Sonderausstellung

„Das sieht ja aus wie eine Puppenkulisse!“ – Spontan äußerst sich so mancher Besucher beim ersten Anblick des Alten Fleckens. Tatsächlich sind jetzt ganz erstaunliche Puppen und Puppenhäuser in der Fachwerk-Altstadt zu besichtigen. Ab dem 25. August 2018 präsentiert das Mittendrin-Museum eine Ausstellung der Künstlerinnen Ingrid Schwan und Cornelia Wiese, die ihr kreatives Schaffen genau diesen Themen mit hoher Profession gewidmet haben.

Zur Vernissage am Freitag, 24. August 2018, 19:00 Uhr, und zur Berichterstattung lädt der Museumsverein sehr herzlich ein. Einführende Worte spricht Dr. Ingrid Leopold, die dabei auch auf die Geschichte von Puppen und ihre Herstellungsweisen eingehen wird. Musikalisch umrahmt wird die Eröffnung durch Dominik Stangier (Piano) und Celia Eichhorn (Cello).



Die Herstellung von Puppen umfasst handwerkliches Können wie ein hohes künstlerisches Empfinden. Für beide Fähigkeiten wurde die in Kirchen (Rheinland-Pfalz) wirkende  Ingrid Schwan mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Mit Goldmedaillen verließ sie zum Beispiel das Europäische Puppenfestival in Interlaken (1997) wie den Internationalen Wettbewerb „Eurodoll“ in Bregenz (1999). Schließlich in Bern (2012) punktete sie bei über 200 Teilnehmerinnen aus 16 Ländern mit der bestbewerteten Puppe und kann sich fortan über den internationalen Titel  „Master of Dollmaking“ freuen. Seit 2004 entstehen nun in Kirchen im Haus der in Betzdorf aufgewachsenen Künstlerin die anspruchsvoll gestalteten Kreationen. Gerade den Köpfen aus Porzellan widmet sie große Aufmerksamkeit, da sie später nach dem Modellieren, dem Brennvorgang und der anschließenden künstlerischen Bearbeitung ganz wesentlich zur individuellen figürlichen Ausstrahlung der Puppen sorgen. Beim Betrachten der Künstlerpuppen wird sehr schnell deutlich, wie gekonnt ein Bild von Charakteren entsteht, die Emotionen zu wecken vermögen. Ihre Werke haben sich zu begehrten Sammelobjekten entwickelt.

Dass die zweite Künstlerin ebenfalls in Kirchen wohnt, ist Zufall. Doch auch ihr Interesse gilt der Nachbildung, der Miniatur von Lebenswelten:  Cornelia Wiese ist seit Jahren von Puppenhäusern fasziniert. Sie entwickelte eine Sammelleidenschaft für all die ganz speziellen Utensilien, die der kleinen, nachgebauten Welt ihren jeweiligen Charme bestimmter Einrichtungsstile geben. Ihr Mann baut ihr die Puppenhaus-Hüllen, die sie dann entsprechend der verschiedenen Zeitepochen mit ihren typischen Merkmalen gestaltet und ausstattet. So entsteht die perfekte Illusion, die maßstabgetreue Abbildung von Raumsituationen früherer Zeiten. Viele Details muss sie selbst entwickeln und Gegenstände in kleinen Proportionen nachbauen. Cornelia Wieses Puppenhäuser bergen so kleine Schätze und lassen nostalgische Gefühle aufkommen.

Die Ausstellung in dem ehrenamtlich geführten Museum in der Freudenberger Altstadt ist vom 25. August bis zum 7. Oktober 2018 zu sehen. Das Haus ist mittwochs, samstags und sonntags von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3 Euro. Sonderführungen sind auf Anfrage möglich.

YOU and ME

Stephanie Süßenbach

Vom Menschen und seinen Bewegungen, seiner Spontanität, aber auch von seiner Unvollkommenheit ist die Künstlerin Süßenbach nicht erst seit ihren Aufenthalten in Japan oder Afrika fasziniert. DU und ICH. Der Titel dieser Ausstellung bezieht sich auf drei Personen. Wieso drei? Eins und eins sind, nach Adam Riese, zwei. Inhaltlich trifft dies auch zu. DU und ICH bezieht sich im Wesentlichen auf die konturhaft zeichnerische und malerische Wiedergabe einer Person. Hinter DU und ICH verbirgt sich aber noch eine dritte Person. Nämlich DU als der Betrachter selbst. Ausgehend von ihren Arbeiten werden Parallelen zu von der Künstlerin selbst erlebten Situationen gezogen. Somit fungiert die portraitierte Person als Vermittler zwischen DIR und MIR.

 

Es sind zufällige und banale Alltagssituationen und -handlungen, die die Lehrerin für Englisch und Kunst auf Papier oder Leinwand festhält. Momentaufnahmen als eine Art Schnappschüsse, die das Leben für den Bruchteil einer Sekunde widerspiegeln. Dabei geht es nicht um Genauigkeit oder das Wiedererkennen der abgebildeten Menschen, sondern vielmehr um das Sichtbarmachen der beiläufig ausgeführten Handlung. Da diese Handlungen alltäglich sind, geradezu banal, kennt sie jeder von uns. Durch diesen Umstand findet sich der Betrachter selbst in diesen festgehaltenen Momenten wieder: er erkennt die Handlung und hält einen Moment inne, um sie sich vor Augen zu führen. Somit verschafft die Momenthaftigkeit ihrer Arbeiten dem Betrachter einen Augenblick der Vergegenwärtigung und Würdigung des Beiläufigen, Banalen und Alltäglichen.

Die Zeichen- und Malweise erfolgt dabei spontan, intuitiv und schnell, ohne vorherige Planung oder nachfolgende Verbesserungen. Die Momenthaftigkeit steht im Vordergrund. Die Werkzeuge Tuschepinsel und Farbrolle eignen sich für diesen Zeichen- und Malstil im Besonderen, da sie keine Details zulassen, skizzenhaft bleiben und einen Kontrollverlust bewirken, der beabsichtigt ist. Dabei entsteht zwangsläufig ein Zufallsprinzip, das mit einem Kontrollverlust einhergeht. Das 
grobe Werkzeug und die spontane, schnelle Aufnahme der einzelnen Situationen verleihen dem Zufall und der Intuition Raum, der gewollt und beabsichtigt ist.

Die Ausstellung  wird bis zum 19. August 2018 präsentiert. Zur Eröffnung am 6. Juli um 19 Uhr findet ein Gespräch zwischen den beiden Künstlerkollegen der ASK:  Stephanie Süßenbach und Ingo Schultze-Schnabl statt.

 

 

 

Eine einzigartige Bildsprache

Thomas Kellner – Ausstellung in Freudenberg eröffnet

Charmantes Understatement: „Ich bin nur ein Knipser!“ Thomas Kellner, eben noch vom 4Fachwerk-Vorsitzenden Dieter Siebel als „Weltkünstler der Fotografie“ begrüßt, verblüfft die zahlreichen Besucher im Freudenberger Mittendrin-Museum. „Klassische Fotografie habe ich nicht gelernt, aber Kunst studiert.“

Die Ausstellungseröffnung mit seiner Werkserie „Tango Metropolis“ gestalten Thomas Kellner und Dr. Ingrid Leopold als „Kunst-Gespräch“. Wie er zur künstlerischen Fotografie gekommen sei, lautete die Frage. Da war zunächst die Kunst mit so vielen Facetten, die Thomas Kellner in Siegen studiert. Und das nicht unvorbelastet: „Meine Mutter war Kunstlehrerin. Ich bin zuhause mit allen künstlerischen Materialen aufgewachsen.“ Schon bald spürt der Student: „Lehramt ist ein falscher Job für mich. Ich habe mich für die Laufbahn als Künstler entschieden.“ Er experimentiert zunächst mit selbst gebauten Fotoapparaten – und erinnert sich an wunderbar-kreative Zeiten im Geisweider Brauhaus, dem Ateliergebäude des Departments Kunst der Universität. Aber: Fotografie als Kunst? Kellner: „Kunst hat etwas damit zu tun, etwas Neues zu erfinden. Was nicht neu ist, ist nicht Kunst!“ Lässt sich ein solcher Anspruch mit fotografischem Abbilden in Einklang bringen?
In Paris entwickelt Thomas Kellner die Idee mit den Film-Kontakbögen, die heute sein Markenzeichen sind und ihn zum international gefragten Künstler werden lassen. Erst teilen, dann wieder zusammensetzen, so gestaltet er seine künstlerische Betrachtung eines architektonischen Projektes. Dieses Prinzip, so führte Kellner aus, solle verdeutlichen, dass ein Bild nicht mit einem Blick zu erfassen sei, sondern dass die individuelle Wahrnehmung aus vielen visuellen und sonstigen Eindrücken entstehe. Das Neue: Fotografie wird jetzt genutzt, um eine Bildidee umzusetzen, Filmstreifen in Serie gesetzt, die erst in ihrer Gesamtheit wieder ein Bild ergeben.

 

Nein, es sind keine Zufallsprodukte, die entstehen: „Jedem Bild liegt ein ‚Storyboard` zugrunde“, erläutert der Künstler. Das sei ein „Drehbuch“ für ein später zusammengesetztes Werk, das nach wie vor, Bild für Bild, mühsam per Hand mit drei Millimeter breiten Klebestreifen zusammengesetzt werde. Der 35-Millimeter-Film als Ursprung sei ihm wichtig: „Das ist das Material, mit dem Hollywood Geschichte geschrieben hat.“ Die jetzt in Freudenberg gezeigten Exponate zählen zur Werkgruppe Metropolis, in der sich Kellner mit weltweit bekannten Architekturen auseinandersetzt. „Hier ist das Ende offen,“ berichtet Kellner. Da könnten immer neue Kompositionen hinzukommen: „Metropolis bleibt eine Lebensaufgabe. Da nehme ich immer neue ‚Weltwunder‘ wahr, die zum visuellen Gedächtnis dieser Welt gehören.“

Nach dem informativ-erfrischenden Wortwechsel stehen die aus dem Prozess einer „visuell-analytische Synthese“ entstandenen Kunstwerke im Mittelpunkt. Die Vernissage-Besucher nutzen intensiv die Gelegenheit, Thomas Kellner zu seiner eigenen Kunstrichtung innerhalb der Fotografie zu befragen. In der Tat, beim genauen Betrachten der zusammengesetzten Filmstreifen werden „Mauern zum Tanzen“ gebracht. Die insofern passend bezeichnete Ausstellung „Tango Metropolis“ ist in Freudenberg noch bis zum 1. Juli 2018 zu sehen.

Thomas Kellner, Jahrgang 1966, ist als Bildender Künstler in Siegen tätig, er gehört dem Kunstverein Siegen und der Arbeitsgemeinschaft Siegerländer Künstlerinnen und Künstler an. Er ist Mitglied der Deutschen Photographischen Gesellschaft, die Universität Gießen berief ihn zum Gastprofessor für Künstlerische Fotografie. Dem Museum für Gegenwartskunst ist er als Vorstandsmitglied des Freundeskreises und als Kurator für fotografische Ausstellungsprojekte verbunden. Kellners Werke wurden für öffentliche Sammlungen u. a. in den Vereinigten Staaten, Brasilien und England erworben.